Der ökologische Fußabdruck digitaler Technologien

Cathleen Berger
3 min readJun 23, 2022

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Obwohl Nachhaltigkeit in aller Munde ist, ist es überraschend, wie wenig oder wie selten das Internet aus Umweltperspektive beleuchtet wird.

In den wenigen Artikeln, die den digitalen ökologischen Fußabdruck abbilden, wird auf grobe Schätzungen zurückgegriffen. So ist der IKT-Sektor laut einem Bericht der Europäischen Kommission für etwa 2% der globalen Treibhausgasemissionen, d.h. in etwa 0.8 GtCO2e oder 800 Millionen Tonnen, verantwortlich — was im Übrigen in etwa den jährlichen Emissionen Deutschlands entspricht. Sollte das Wachstum des Sektors ungebremst weitergehen, so der Bericht, könnte dieser Anteil auf bis zu 14% im Jahr 2040 anwachsen.

Wie kann man sich solchen Schätzungen annähern?

Lassen Sie uns mit den Sozialen Medien anfangen.

In einer Untersuchung aus dem Jahr 2021 analysierte Greenspector mithilfe von Messungen über Mobiltelefone das globale Nutzerverhalten und berechnete, dass soziale Medien für bis zu 262 Millionen mt pro Jahr verantwortlich sind. Dabei handelt es sich nach Angaben der U.S. Umweltschutzbehörde in etwa um die Menge an Energie, die notwendig ist, um über 31 Millionen Haushalte für ein Jahr mit Elektrizität zu versorgen.

Schauen wir uns Online-Streaming an.

Vielleicht gehören Sie zu den 167 Millionen Netflix-Abonnenten oder aber Sie sind Teil des Publikums, das YouTube zu den meistgenutzten Services weltweit katapultiert. YouTube selbst gibt an, dass etwa 1 Milliarde Stunden jeden einzelnen Tag Videos auf der Plattform geschaut werden.

Laut jüngster wissenschaftlicher Analysen verursacht eine Stunde Streaming im globalen Durchschnitt etwa 36g an Emissionen. Wenn wir diese 36g zunächst mit der 1 Milliarde an täglichen Stunden und dann 365 Tagen multiplizieren, landen wir bei Sage und Schreibe 1,3 Milliarden Tonnen oder aber 1,3 GtCO2e an. Dies entspricht in etwa den einem Drittel der jährlichen Emissionen der EU-27. Und dies gilt nur für YouTube. Netflix, Amazon Prime, Disney+, Apple TV und andere tragen ebenfalls ihren Teil bei.

Wenn wir die Energieeffizienz von Datenzentren und Datenverarbeitung weiter verbessern, kann dies zwar das Wachstum des Umwelteinflusses von Streaming-Services verlangsamen, aber wohl kaum als trivial abschreiben.

Zudem liegt das Problem nicht nur bei den Daten, um den ökologischen Fußabdruck zu bestimmen, müssen wir uns auch die physischen Komponenten von Datenzentren ansehen, die enorme Weiten an Land versiegeln und zunehmend knapper werdende Wasserressourcen dezimieren. Diese Umweltfaktoren sind aktuell in den wenigsten Umweltberichten konsequent berücksichtigt.

Gleiches gilt für mobile und vernetzte Endgeräte. Neben ihrem Energiebedarf und dem notwendigen Datenstrom, muss in der Ökobilanz solcher Geräte auch die Herstellung, Produktion, Verteilung und Entsorgung berücksichtigt werden.

Es ist kaum möglich, die Ökobilanzen für alle erdenklichen vernetzten Geräte aufzufinden — solche Produktdatenbanken (Product Emission Database) werden derzeit heiß diskutiert, sind aber noch zu unausgegoren, um als verlässliche Informationsquelle herangezogen zu werden. Ein konkretes und vergleichsweise transparentes Beispiel kommt von Apple. Laut dem Unternehmen liegt die durchschnittliche Ökobilanz eines iPhones 11 beispielsweise bei 75kg je Gerät.

Nehmen wir diese 75kg als Durchschnittswert für alle der weltweit 30 Milliarden vernetzten Geräte, ergibt sich die enorme Summe von 2,25 GtCO2e. Ob das Gerät nun für 2, 3, 5 oder 10 Jahre im Einsatz ist, lässt sich nur bedingt verallgemeinern. In jedem Fall lägen die Emissionen für vernetzte Geräte irgendwo zwischen 0,2 und 1,1 Gigatonnen pro Jahr.

Damit aber noch nicht genug.

Zu den digitalen Technologien zählen auch Modelle Künstlicher Intelligenz, die mithilfe enormer Datenmengen „trainiert“ und verfeinert werden. Data Mining, Proof-of-Work Blockchain, sogenannter Legacy Code, Spam, immer größer werdende Webseiten und schlicht eine Unmenge an nutzlosen oder veralteten Datensätzen.

Zusammengerechnet liegen wir mit diesen Annährungen für soziale Medien, Streaming und vernetzte Geräte zwischen 1,8–2,7 GtCO2e — das heißt: 5–7% der globalen Emissionen und damit weit über den von der Europäischen Kommission geschätzten 2%. Zudem sind hier Technologien wie KI, Blockchain oder Prozesse aus dem B2B noch nicht berücksichtigt.

Ohne Frage bringt das Internet viele, wunderbare Vorteile — diese werden nicht negiert. Gleichzeitig geht es darum, aufzuzeigen, dass digitale Technologien einen wesentlichen Anteil an unseren globalen Treibhausgasemissionen haben.

Im Vergleich zu einzelnen Ländern landet das Internet auf Platz 5, direkt nach China, den USA, der EU-27 und Indien. Noch interessanter: es übersteigt den Anteil der Flug- und Schifffahrtsindustrie, der bei etwa 3,6% liegt.

Aus meiner Sicht steht außer Frage, dass wir eine digitale Transformation nur dann nachhaltig gestalten können, wenn wir die negativen Folgen verstehen und aktiv reduzieren.

Dieser Beitrag ist eine gekürzte und leicht aktualisierte Übersetzung meiner zuvor auf Englisch erschienenen Blogserie “The Internet’s Environmental Footprint”.

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Cathleen Berger

Strategy expert, focusing on the intersection of technology, human rights, global governance, and sustainability